Donnerstag, 6. Februar 2014

370) Der weisse Fluss


Hunderte von weissgewandeten Frauen, Männern und Kindern ziehen am 4. und 5. Februar die Reliquiensänfte der Heiligen Agatha durch Catania. Es herrscht eine Stimmung, die getragen wird von Spiritualität und einem Mix von Fröhlichkeit und Ernsthaftigkeit.





Es sind die Tage des weissen Flusses von Catania. Dieser fliesst durch die Stadt am Ätna und ist gutmütig und ungefährlich.

Manchmal hingegen wird die Agatha-Stadt von gefährlichen, braunen Flüssen, Strömen gleich, bedroht.
Nicht immer konnte der Schleier der Heiligen Agatha seine wundertätige Wirkung entfalten und die Lavaströme des Ätnas aufhalten.
Dies gelang ihm zum ersten Mal kurz nach dem Tod der Märtyrerin. Die Einwohner von Catania zogen mit ihrem Schleier dem Lavastrom entgegen, der daraufhin zum Stillstand kam. Das war der Anfang einer Wundergeschichte.



Und dieses Wunder macht vor der Gegenwart nicht Halt. Wohl werden wohl heute die Menschen eher den Seismologen als dem Schleier der Agatha vertrauen, aber das Wunder der Agatha wirkt immer noch.


Agatha alleine schafft es, dass Hunderttausende von Menschen eine Stadt während drei Tagen in eine riesige Stätte des Zusammenseins verwandeln.
Alt oder jung,



arm oder reich,



Einheimische/r oder nicht.



Das "Wunder der Agatha" schafft, was kein WM-Final, kein Bellini-Konzert, keine Eröffnung von Etnapolis je schaffen können: Es lässt ein Zusammengehörigkeitsgefühl aufkommen, das keine Grenzen kennt. Es spielt keine Rolle mehr, wer wer ist, wer wie viel hat oder wer seine Spiritualität so oder so lebt.


Am Fest wird wahr, was im Alltag Utopie ist. Gleichheit, Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit.

Was aber bleibt nach dem grossen Spektakel? Schall und Rauch?


Es wird wohl leider so sein. Die Candelore und die Reliquiensänfte verschwinden in den Kirchen, die Menschen in ihren "Klassen". Die weissen Gewänder werden durch Überkleider oder Anzüge ersetzt. Einige werden wieder zu Herren, andere zu Sklaven. So ist es und so wird es wohl blieben.

Trotzdem darf man an das "Wunder der Agatha", an die Utopie von Gleichheit, Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit glauben, denn ...



wir müssen uns einsetzen dafür, dass die Zukunft auch für die, die da kommen, noch eine lebenswerte Zukunft ist - mit einer grossen Portion weniger Ungleichheit und Ungerechtigkeit.

Die Utopie des einzelnen gehört zweifelsohne zu seiner persönlichen Spiritualität, wird aber im Versuch, sie an die Realität anzubinden, äusserst gesellschaftlich und somit politisch.

Barbara


Das sind unsere weiteren Artikel zum Agatha-Fest.

2. Februar 2010

3. Februar 2010

4. und 5. Februar 2010

2. Febraur 2014